Misophonie verstehen

Misophonie verstehen leicht gemacht! In diesem Artikel zeige ich Dir, wie Du anderen Menschen Deine Misophonie verständlich erklären kannst. Zudem wirst Du Dich, Deine Umwelt und Deine Reaktionen auf Trigger besser kennenlernen. Das hilft Dir gleichzeitig dabei, Dich besser auf Gespräche über Misophonie vorzubereiten.

Warum ist das wichtig? Nun ja, wir sind von unserem Umfeld abhängig: Wenn ein Mensch einen Herzinfarkt hatte, kann er seinen Lebensstil anpassen (Ernährung umstellen, Sport treiben, weniger Stress in sein Leben lassen) und damit für Besserung sorgen. 

Bei der Misophonie sind wir auf unser Umfeld gewissermaßen angewiesen. Wenn jemand das Wissen über die Misophonie gegen uns verwendet, sind wir „ausgeliefert“. Der Umgang mit der Störung liegt nicht komplett in unserer eigenen Hand. Bei Misophonie ist der Betroffene auf das Umfeld angewiesen, um Veränderungen zu erzielen.

Dennoch sollten wir als Misophoniker an unsere Selbstwirksamkeit glauben. Wir können etwas ändern, wenn wir uns trauen, über die Misophonie zu sprechen. Habt nur Mut. 

Misophonie verstehen mit der Selbstanalyse

Bevor Du in das Gespräch über Deine Misophonie gehst, könntest Du Dich „vorbereiten“. Dies kannst Du mithilfe einer Selbstanalyse tun. Diese hilft Dir dabei, Dich selbst besser kennenzulernen und Dich auf das Gespräch vorzubereiten. Je besser Du Dich und Deine Störung kennst, desto selbstbewusster kannst Du im Gespräch über Misophonie aufspielen. Die Selbstanalyse besteht aus 3 Teilen:
  • Umfeldanalyse: Mit der Umfeldanalyse findest Du heraus, welche Menschen Dich in Deiner Nähe an welchem Ort triggern.
  • Triggeranalyse: Die Triggeranalyse hat zum Ziel herauszufinden, welche Trigger Dich bei welchen Personen triggern.
  • Verhaltens- und Reaktionsanalyse: Bei der Verhaltens- und Reaktionsanalyse findest Du heraus, wie Du auf deine Trigger reagierst.
Aufbau der Selbstanalyse

Eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung inklusive Fragen für Deine Selbstanalyse findest Du in meinem kostenlosen E-Book Nur Mut – Über Misophonie sprechen.

Misophonie verstehen und Verständnis entwickeln

Um bei anderen Menschen Verständnis für Deine Misophonie zu entwicklen, kannst Du Dich an den folgenden 6 Elementen orientieren:
  • Erkläre eingehend, was Misophonie ist!
  • Erkläre, warum es uns schwer fällt, darüber zu sprechen.
  • Beschreibe, wie sich Misophonie für uns anfühlt.
  • Erläutere, was Angehörige tun können, wenn sie uns triggert haben.
  • Erkläre, was passieren kann, wenn Dich jemand ignoriert.
  • Wie kannst Du mit Ignoranz umgehen?

Erkläre, was Misophonie ist​

Bei der Misophonie handelt es sich um eine selektive Geräuschintoleranz mit körperlicher Reaktion auf akustische oder visuelle Reize.

Beim Misophoniker wird eine Kampf- oder Fluchtreaktion („fight or flight“) ausgelöst. Die Reaktionen auf Trigger sind dabei „erlernt“.

Niemand ist also mit Misophonie auf die Welt gekommen oder Misophonie ist ihm angeboren. Die Misophonie entsteht durch Konditionierung, das bedeutet wir erlernen die Reflexreaktion, die wir nach einem Trigger durchführen.

Laut Thomas H. Dozier ist der emotionale Druck, der in der Schule entsteht, häufig ein Grund für die Entwicklung einer Misophonie bei Kindern.

Als Grundlage kannst Du Dich an meinem Blogartikel Was ist Misophonie:

Erkläre, warum es uns schwer fällt, darüber zu sprechen​

Warum uns schwerfällt über die Misophonie zu sprechen, kann viele Gründe haben. In Deinem Gespräch könntest Du die folgenden Gründe nennen: 

  • Wenn wir darüber sprechen, geben wir eine „Schwäche“ preis.
  • Misophonie ist keine anerkannte Krankheit. Uns fehlt daher die "Glaubwürdigkeit".
  • Wenn wir proaktiv über die Misophonie sprechen, könnte es vom Gesprächspartner so aufgefasst werden, als würden wir Mitleid erzeugen wollen.
  • Unser „Outing“ könnte Druck beim Gesprächspartner aufbauen.
  • Unsere Gefühle sind irrational und unverhältnismäßig.
  • Wir sind von unserem Umfeld abhängig.

Beschreibe, wie sich Misophonie für uns anfühlt​

  • Wir sind in manchen Situationen angespannt!
  • Wir empfinden Wut und Aggression aufgrund vermeintlicher "Nichtigkeiten"
  • Wenn wir getriggert werden, erleiden wir Schweißausbrüche
  • Wir können nicht mehr klar denken
  • Puls schießt in die Höhe

Erläutere, was Angehörige tun können, wenn sie uns triggert haben ​

Wenn Du jemandem von Deiner Misophonie erzählst, kommt vielleicht die Frage auf, was man tun kann, wenn wir Misophoniker getriggert werden. Die Symbolik der Ampel verwende ich gerne um schnell und einfach zu kommunizieren, in welchem Stimmungszustand ich mich gerade befinde und was mein Gegenüber tun sollte, dass ich mich wieder schnell beruhige.

Phase ROT

Misophonie Ampel Phase rot

Kontrollverlust, Aggression und Wut, Du kannst nicht mehr klar denken, keine rationale Entscheidung mehr möglich. Sehr starkes Ruhebedürfnis, Energieverlust.

Phase GELB

Misophonie Ampel Phase gelb

Wut und Aggression klingen ab, Du bist hellhörig und wartest auf erneuten Trigger, Du reagierst „schlecht gelaunt“, Ruhebedürfnis, erschwerte Konzentrationsfähigkeit, Ungeduld.

Phase GRÜN

Misophonie Ampel Phase grün

„Alles wieder gut“, Entspannung tritt ein, Stress klingt ab, Konzentration nimmt wieder zu, gelassener Zustand, Zeit um runter zu kommen, Dir geht es soweit gut.

Erkläre, was passieren kann, wenn Dich jemand ignoriert ​

Nun ja, bei den folgenden Punkten handelt es sich meiner Meinung nach um menschliche, normale Reaktionen, wenn man ignoriert wird. Das gilt nicht nur für Misophoniker. Dennoch möchte ich sie genannt haben.

  • Wir könnten uns von derjenigen Person distanzieren.
  • Wir sind wütend auf diese Person.
  • Die Person kann sich zum Hassobjekt entwickeln.
  • Wir reduzieren den Kontakt oder brechen den Kontakt sogar ab.

Wie kannst Du mit Ignoranz umgehen?​

  • Entwickele eine gewisse Gleichgültigkeit. Mit steigendem Selbstbewusstsein wird Dir "egaler", was andere von Dir denken.
  • Wenn jemand Deine Misophonie ablehnt oder Dich nicht verstehen will, dann lehnt er Deine Persönlichkeit ab. Nicht weniger. Wenn Du jemandem wichtig bist, dann geht derjenige auf Dich ein und versucht ein harmonisches Miteinander zu erzielen.
  • Stelle Dich darauf ein, dass Du mehrere Runden drehen musst, um Deine Misophonie anderen verständlich zu machen. Sei Dir bewusst, dass Ihnen Deine Misophonie nicht so "nahe" ist wie Dir.
  • Biete Kompromisse an, um ein besseres Miteinander zu etablieren.
  • Übe Dich in Empathie und Selbstkontrolle. Versuche Deine Gegenüber zu verstehen und erwarte nicht, dass er oder sie das Thema Misophonie sofort versteht und auf Dich eingeht.

Noch einmal zusammengefasst die 6 wesentlichen Punkte, um bei anderen Menschen Verständnis für Deine Misophonie zu entwickeln:

Bei anderen Verständnis für Deine Misophonie entwickeln

Misophonie verstehen und Selbstvertrauen entwickeln

Selbstvertrauen

Über Misophonie zu sprechen bedeutet gleichzeitig, dass man eine „Schwäche“ preisgibt. Niemand will nach außen schwach wirken. Das ist menschlich. Auf den ersten Blick stimmt das. Ändere aber auch mal den Blickwinkel: Zeugt es nicht auch gleichermaßen von Stärke, wenn man den Mut aufbringt, sich über seine „Schwächen“ zu unterhalten und auszutauschen?

Misophonie ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Schließlich hat sich niemand ausgesucht, an dieser Geräuschempfindlichkeit zu leiden. 

Man kann den Mut und die Überwindung, über die Misophonie zu sprechen auch als Stärke und Reife interpretieren. Wenn Deine Gesprächspartner die Misophonie verstehen sollen, dann musst aus Deiner Komfortzone ausbrechen und diese Stärke entwickeln!

Ich weiß, dass eine gehörige Portion Selbstvertrauen nötig ist, um über die Misophonie zu sprechen. Wenn Du Dich bisher noch nicht getraut hast, über Deine Misophonie zu sprechen, dann kann es daran liegen, dass Du noch nicht das nötige Vertrauen in Dich selbst hast.

Glaube an eigene Selbstwirksamkeit

Was bedeutet Selbstwirksamkeit? Unter Selbstwirksamkeit versteht man die Überzeugung bzw. den Glauben daran, Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Übertragen auf unsere Misophonie bedeutet das, dass wir selbst an uns glauben müssen, unser Leben trotz Misophonie zu bessern – und das aus eigener Kraft.

Mit dem Glauben an unsere Selbstwirksamkeit begeben wir uns gleichzeitig aus der Opferrolle! Du kannst Einfluss auf die Situation nehmen. Übernimm Verantwortung für Dich und Dein handeln. Dadurch hast Du nicht mehr dieses fast unerträgliche Ohnmachtsgefühl.

Gelassenheit lernen

Je selbstbewusster Du wirst, umso gelassener wirst Du. Wenn Du selbstbewusst durchs Leben gehst, dann bringt Dich nichts und niemand mehr so schnell aus der Ruhe.

Stelle Dir die Frage, was im schlimmsten Fall passieren kann, wenn Du mit jemandem über Deine Misophonie sprichst!

Male Dir dieses „Worst-Case“ Szenario richtig aus!

Versuche Dich auf diejenigen Dinge zu konzentrieren, die Du ändern kannst. Ignorante Menschen änderst Du nicht – Du hast aber die Möglichkeit Deine Reaktion auf diese ignoranten Menschen zu ändern.

Bleib auch dann gelassen, wenn Dich Deine Gesprächspartner zu Beginn nicht verstehen wollen oder können. Ich weiß, das ist richtig schwer. Bleib cool und mache Dir bewusst, dass Du unter Umständen mehrere Runden drehen musst, bis Dich die Leute verstehen. Das Thema Misophonie ist bei Deinen Angehörigen (wahrscheinlich) nicht so zentral, wie es bei Dir der Fall ist. 

Eins steht fest: Je seltener Du getriggert wirst, desto besser. Die Maßnahmen und Tipps in meinem Buch "Ich hasse Geräusche!" sind Praxis getrieben, das heißt alle beschriebenen Maßnahmen helfen mir weiter, um mehr Lebensfreude und mehr Lebensqualität zu gewinnen. Ich habe bisher noch keine Therapie oder Hypnose durchgeführt und kann alleine mit diesen Maßnahmen mein Leben besser leben. Alleine, dass ich mit mir wichtigen Person drüber gesprochen habe, hat meine Lebensqualität gesteigert. Für mich ein wahrer „Gamechanger“.

Vom Misophoniker für Misophoniker

Meine Erfahrungen habe ich in einem Buch beschrieben. In dem Buch findest Du meine persönlichen Erfahrungen und Tipps und Tricks, wie auch Du im Alltag besser damit leben kannst. Außerdem findest Du:

  • was Misophonie überhaupt ist und woher sie kommt ...
  • wie Du trotz Misophonie am Leben teilhaben kannst ...
  • wie Du Deine Lebensqualität und Deine Lebensfreude steigern kannst ...
  • wie es einem Leidensgenossen ergeht und welche Maßnahmen er im täglichen Leben etabliert hat, um nicht mehr so häufig getriggert zu werden und zur Ruhe zu kommen ...
  • welche Maßnahmen es gibt, bevor und nachdem man getriggert wurde ...
  • wie man im öffentlichen Leben damit umgehen kann und welche Tipps es für den Umgang mit Menschen im öffentlichen Leben gibt ...
  • wie Du Deine Mitmenschen für Deine Misophonie sensibilisieren kannst ...
Mein neues Buch "Ich hasse Geräusche!" über Misophonie bzw. Geräuschempfindlichkeit
Buchtipp: "ICH HASSE GERÄUSCHE!", März 2020

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Die Arbeit gegen Deine Misophonie musst Du eher ganzheitlich verstehen, indem Du an Deiner Persönlichkeit arbeitest, um mehr Ruhe in Dein Leben zu bekommen. Steigere Dein Wohlbefinden indem Du meditierst, regelmäßig Sport treibst und Dich gut ernährst (Schau Dir hierzu meinen Blogartikel „7 grundlegende Tipps, um Deine Geräuschempfindlichkeit nicht mit Fressattacken zu kompensieren“ an und sichere Dir den 27 Seiten umfassenden Ratgeber dazu – kostenlos!). All das sorgt für eine innere Ausgeglichenheit, die Deinen Stresslevel senkt und Dich mit Deiner Misophonie besser klarkommen lässt.

Misophonie verstehen - Zusammenfassung

Mit der Selbstanalyse hast nun ein wichtiges Werkzeug an der Hand, um Dich auf Gespräche über Misophonie vorzubereiten. Mit dem roten Gesprächsleitfaden kannst Du Dein klärendes Gespräch aufbauen. Damit kannst Du Verständnis bei Deinen Angehörigen erzeugen bzw. sie für das Thema Misophonie sensibilisieren.

Ganz wichtig ist: Macht euren Angehörigen bzw. eurem Gesprächspartner klar, dass es NICHT deren Persönlichkeit oder Charakter ist, wenn sie euch triggern. Betont das immer wieder!

Ich hoffe ich konnte Dir Mut machen, über Dein Leiden zu sprechen, um für Besserung in Deinem Leben zu sorgen.

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