Im heutigen Artikel stellen wir 17 Fragen an Ulrich Kritzner, Heilpraktiker für Psychotherapie und psychologischer Berater (VfP). Lies unbedingt weiter, wenn Du wissen möchtest, welche Ziele Ulrich Kritzner bei der Behandlung von Misophonikern verfolgt und inwiefern Hypnose bei der Behandlung von Misophonie helfen kann. Zwar etwas off-topic, aber wir beantworten auch die Frage, was Hypnosex ist!

Ulrich Kritzner

Interview Misophonie Ulrich Kritzner

Interviewer Patrick Crauser: Hallo Herr Kritzner! Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview nehmen. Ich freue mich sehr, einen professionellen Ansprechpartner zum Thema Misophonie befragen zu können. Wie geht es Ihnen in dieser verrückten (Corona-)Zeit mit der Ausgangsbeschränkung?

Ulrich Kritzner: Ganz persönlich empfinde ich die Zeit der sozialen Einschränkung als Belastung. Eine Belastung, da für mich als Selbständiger mit einem sehr persönlichen Kontakt zu seinen Klienten die Verunsicherung der Menschen mehr als spürbar werden lässt. Einerseits die gesundheitliche Gefahr, deren sich jeder nun bewusst wird. Andererseits die allgemeiner Risiken des Lebens werden einem durch Meldungen von Krankheit und Tod vor Augen geführt. Nicht zuletzt besteht ein erhebliches gesellschaftlich und ökonomisches Risiko für die Zeit während und nach der Krise, die für das Potential der Existenzbedrohung hat. Alles in allem eine Zeit, die ich durchaus als einschneidend und als eine Gefahr wahrnehme. Verordnete soziale Distanz und Abschottung verändert die Menschen, weil diese mit fortwährend subtiler Angst gekoppelt ist. Dies spüre ich immer dort, wo es sich nicht vermeiden lässt, auf Menschen zu stoßen.

Ja, es sind tatsächlich seltsame Umstände, mit denen wir uns aktuell konfrontiert sehen. Erzählen Sie etwas über sich? Wer sind Sie? Was ist ihr "Warum"? Wofür brennen Sie?

️Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert und lange Jahre in der Unternehmensführung verschiedener klein- und mittelständischen Unternehmen gearbeitet. Vor einigen Jahren habe ich mich entschlossen, mein Leben neu zu ordnen und ein Studium zum Heilpraktiker für Psychotherapien zu beginnen. Ich arbeite nun seit mehr als fünf Jahren erfolgreich in eigener Praxis. Es begeistert mich Menschen bei ihren Nöten und psychischen Problemen zu helfen.

Eine Neuordnung erfordert Mut! Sie sind Heilpraktiker für Psychotherapie! Was versteht man darunter und wie sieht ihr Alltag aus?

Das Berufsbild des Heilpraktikers umfasst die allgemeine Heilkundeausübung und wird durch die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ ausgedrückt. Vom Arzt oder Psychotherapeuten unterscheidet ihn, dass für ihn keine Ausbildung vorgeschrieben ist und er die Heilkunde ohne Approbation („ohne Bestallung“) ausübt. Auch wenn Einschränkungen gegenüber Ärzten und Psychotherapeuten (sinnvollerweise) bestehen, sind diese jedoch diesen als heilkundlicher Beruf gleichgestellt. Nach Sozialgesetzbuch besteht jedoch kein Recht, mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu dürfen. Heilpraktiker gibt es mit vielen Spezialisierungen als wichtiger Teil unseres gesamten Gesundheitswesens. Der Heilpraktiker für Psychotherapie ist auf die Spezialisierung der Psychotherapie beschränkt. Allerdings werden hier weitestgehend ähnlich Verfahren eingesetzt, die approbierte Psychotherapeuten auch verwenden. Allerdings, und insoweit ist die ein Vorteil, sind die Therapiemethoden die ein Heilpraktiker für Psychotherapie anwenden darf nicht an die beschränkten Vorgaben der Krankenkassen gebunden. Wir können so ein Reihe von Methoden und Verfahren miteinander kombinieren, die im „kassen-therapeutischen“ Umfeld nicht geboten werden. Der Arbeitsalltag unterscheidet sich von den approbierten Kollegen kaum. Je nach Bedarf des Klienten bzw. der Klientin erfolgen die Sitzungen zwischen ein bis 2 Stunden. Mit der Erfüllung der Dokumentationspflicht und kurzen Erholungsphasen, kann ich täglich mit 3 bis 4 Klienten/innen arbeiten.

Auf Ihrer Website steht der Begriff "Hypnosex". Auch wenn Diese Frage zwar etwas "Off-Topic" ist, kann ich mir sie nicht verkneifen: Was ist Hypnosex?

Der Begriff „Hypnosex“ ist ein geschützte Wortmarke, die eine Methoden beinhaltet, sexuelle Störungen oder Veränderungswünsche mit Hilfe von Hypnose zu behandeln bzw. zu initiieren. Hypnose eignet sich ganz unabhängig von derartigen Vermarktungsbegrifflichkeiten sehr gut zur Behandlung von sexuellen Problemen, da hier unbewusste Denk- und Verhaltensmuster direkt in emotionalen (unbewussten) Denken bearbeitet, Konflikte gelöst und alternative Verhaltens- und Denkinhalte gefestigt werden können. Neben den bekannten und häufigen Störungsbildern z.B. des vorzeitigen Samenergusses bei Männern oder Unlust und Orgasmusstörungen bei Frauen lassen sich hypnotische Interventionen auch einfach zu einem intensiveren Erleben und Luststeigerung einsetzen.

Danke für den kleinen Exkurs! Um wieder auf das Thema zurückzukommen: Welche Ziele verfolgen Sie mit der Behandlung von Misophonikern?

️Auf unterschiedlichsten Wegen kommen Menschen mit Misophonie zu mir. Meist indirekt über Themen wie Depression, Ängste und anderer Phobien. Hierbei stellen sich dann erhebliche Missempfindungen z.B. bei Essensgeräuschen Dritter, Geräusche im Büroalltag oder Fluglärm heraus. Mein hypnotherapeutischer Ansatz ist letztlich ein Kombination aus Desensibilisierung, Emotionskontrolle und Veränderung der inneren negativen Bewertung des belastenden Geräuschs. Hypnose ist ein sehr effizientes Mittel zur Behandlung von Phobien und Ängsten und im Übrigen auch bei Tinnitus. Und genau diese Mechanismen nutze ich. Hierzu gehören:

  • Die Ablösung der Wahrnehmungskonzentration auf störende Geräusche mit dem Ziel diese weniger wahrzunehmen und damit die innere Bewertung als „störend“ oder „gefährlich“ so zu verändern, dass diese Geräusche gleichgültig werden.
  • Die gezielte und bewusste Wahrnehmung der körperlichen Gefühle bei der Wahrnehmung von Störgeräuschen. Nur wenn man seine körperliche Reaktion bewusst wahrnimmt und sich Methoden aneignet diese dann auszuhalten, kann sich eine Reduzierung des inneren Leidens einstellen.
  • Das Ablösen von unbewussten Angstreaktionen durch gezielte Methoden, sich gute und sichere Gefühle zu zuführen. Gerade in Situationen, in denen Geräusche in der eigenen negativen Reaktion zu entgleisen drohen, wieder „Herr der Lage“ zu werden. D.h. zu wissen, dass negative Emotionen aufkommen können, diese aber selbsttätig in neutrale oder positive verändert werden können.
  • Entspannung, der Umgang mit eigenen negativen Gefühlen, das „Sich-Zuführens“ positiver Gefühle

Somit ähnelt meine Vorgehensweise der, der Desensibilisierung, jedoch mit im Unbewussten verankerten Denkmustern, die einen angemesseneren Umgang mit den störenden Geräuschen ermöglichen. Dies ergänzt durch aktiv anwendbare Methoden der Emotionskontrolle. Diese Techniken müssen eingeübt werden. Ich erstelle daher, wenn möglich, Selbsthypnose-Audiomaterial, die meine Klienten/innen zum eigenständigen Üben zu Hause nutzen können. Therapie ist für mich genauso die Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie sind Sie zum Thema Misophonie gekommen?

Letztlich sind es meine Klienten/innen die mit Ihren Problem und Anliegen zu mir kommen und ich Lösungsansätze biete und erarbeite, von denen ich überzeugt bin, dass diese Chancen auf Linderung bieten. Und so gestaltete es sich das beim Thema „Misophonie“ ebenfalls.

Inwiefern kann Hypnose bei Misophonie helfen?

Im Falle therapeutischer Interventionen kann und darf man keine Zusagen machen. Alles hängt von zu vielen Einflussfaktoren und der jeweilig betroffenen Person ab. Doch bestehen gute Chancen, den Umgang mit der eigenen Missempfindung besser steuern zu können. Niemand möchte in eine selbst zuzahlende Therapie gehen und hier unabsehbar viele Sitzungen in Anspruch zu nehmen. Daher ist das Thema des Einübens der in den Sitzungen erlernten Methoden umso wichtiger.

Wie hoch ist Erfolgsquote bei der Behandlung von Misophonikern mit Hypnose?

Nach meinen nicht repräsentativen Erfahrungen durch aus gut – auch wenn es im Zweifel lediglich als eine Verbesserung des Umgangs mit den Situationen wahrgenommen wird. Meine Erfahrungen ganz grundsätzlicher Art sind, dass die Chancen umso besser stehen, bereitwilliger die besprochenen Übungen zu Hause auch durchgeführt werden.

Wie sieht eine typische Hypnose Therapiestunde aus?

Ich führe zunächst grundsätzlich ein Erstgespräch durch, um die Situation, das momentane Empfinden und die Problemsituation besser zu verstehen. Ich lege sehr viel Wert auf die Erklärung möglicher Entstehungsursachen und das Problem aufrechterhaltende Verhaltensmuster. Genau durch dieses Verständnis bekommen meine Klienten ein Verständnis für ihre Lage und die Situation, die sie ja verständlicherweise ablehnen. Hiernach führe ich meine Klienten/innen in die konkrete Hypnosearbeit ein. Ziel ist es, zu erleben, dass das unbewusste Denken stärker ist, als das bewusst rationale Denken. Hiernach erfolgen die konkreten hypnotischen Therapiestunden, in denen die vorgenannten Interventionen und Übungen durchgeführt werden.

Was kann ein Misophoniker aus Ihrer Therapie mitnehmen?

Grundsätzliches Ziel ist es, Geräusche als das wahrzunehmen, was sie sind: Geräusche wie jede anderen auch, die das eigene Leben nicht gefährden und so keine Angstreaktionen mehr auslösen.

Wie sieht eine gewöhnliche Therapie gegen Misophonie aus?

Wie oben beschrieben sieht eine Therapie aus, nur dass ich ggfs. spezielles Audiomaterial erstelle, um die Desensibilisierung auch für zu Hause „übbar“ zu machen.

Sie bieten auch Online-Therapiestunden an. Wie sind diese aufgebaut?

Online gibt es bei mir nur Beratungsgespräche und nur dann Therapie-Sitzungen, wenn die betreffende Person bereits einmal bei mir war. Eine Therapie ist eine Heilbehandlung, in der besondere Fürsorgepflichten bestehen, die man nicht unvorbereitet und ohne Kenntnis der Person gewährleisten kann. Den Hype der Online-Therapie kann ich sowohl aus rechtlicher wie aus rein praktischer Sicht nicht teilen. Ein Online-Beratungsgespräch ist strukturiert, wie das persönliche Gespräch, nur dass die spontane Interaktion auf die Bildschirmfläche beschränkt ist.

Haben die Online-Therapiestunden die selben Erfolgschancen wie eine "Vor-Ort"-Therapiestunde?

Im Rahmen der Knappheit von kassenzugelassenen Therapieplätzen mögen hier manche Organisatoren dies bestätigen. Allerdings halte ich diese Möglichkeit als Therapie im engeren Sinne des Wortes nicht als hilfreich, da sowohl die Parameter/Erfolgsfaktoren einer Therapie nach Freud über die Übertragung und Gegenübertragung sowie die allgemeinen Kommunikationsfaktoren nach Schulz von Thun ausgesprochen eingeschränkt sind. Feinheiten der nonverbalen Sprache werden nur schwer wahrgenommen, eine Stimmungsbild der Empathie (nach Rogers) kann durch den Therapeuten nicht sicher aufgenommen werden. Auch das Transportieren der verbal-nonverbalen Botschaften gelingt in einer Online-Therapie eher nicht. Als ein Beratungsgespräch oder ein Gespräch, um Themen grundsätzlicher Natur zu besprechen, ist es ein gutes Medium.

Gibt es betroffene Misophoniker in Ihrem privaten oder beruflichen Umfeld?

Im beruflichen Umfeld bin ich auch über befreundete Kollegen/innen mit Misophonie konfrontiert. Privat eher nicht.

Welche konkreten Tipps können Sie einem Misophoniker mitgeben, um ein entspannteres und glücklicheres Leben zu führen?

Die Tipps sind die, wie bei jeder Angsterkrankung. Regelmäßige Entspannungsübungen, Meditation, Selbsthypnose und das praktizieren von Methoden der Emotionskontrolle.

Sie haben mein Buch "Ich hasse Geräusche!" gelesen! Wie hat es Ihnen gefallen?

️Ich danke Ihnen, dass ich das Buch lesen durfte! Ihr Buch hat mir sehr gefallen. Es ist leicht lesbar, verständlich geschrieben und aus der Sicht eines Betroffenen und dadurch hat es mit seinen Erklärungen und den Hinweisen „….wie habe ich das umgesetzt“ echt hilfreich. Es ist konkret, praxisbezogen und für Betroffene umsetzbar. Auch die Bonuskapitel finde ich sehr gut und aktuell.

Anmerkungen:

Sie schreiben, das Misophonie keine Angst, sondern Hass ist. Hass ist ein inneres Gefühl von Aggression und Aggression ist eine Form einer Angstreaktion, die letztlich immer archaische unbewusste Handlungsautomatismen (Flucht, Angriff, Verteidigung oder Todstellen) „antriggert“.  Aggression ist dann damit eine Angstreaktion durch „Angriff“. Ob nun Misophonie eher eine Phobie oder nicht ist, mag nicht so wichtig sein, jedenfalls sehe ich es als eine auf Angstreaktionen basierende Störung. Es gibt auch unspezifische Phobien, bei denen es kaum möglich ist, diese durch Konfrontationstherapie zu lindern, z.B. die Agoraphobie. Auch habe ich selbst noch nicht gehört, dass ein/e Betroffene/r die Agoraphobie bspw. mit Selbstbehandlung erfolgreich gelindert hat. Konfrontation macht für mich nur dann Sinn, wenn der Betroffene über alternative Verhaltens- und Handlungsoptionen verfügt, die er gezielt anwenden kann und wenn die „Umbewertung“ des Geräuschs als gefährlich hin zu „es ist da, aber nicht wichtig“ im emotional/unbewussten Denken erfolgt ist. Gelingt dies, ist nichts erfolgreicher, als der Erfolg und das „überhören“ oder „ignorieren“ des Triggers gelingt immer öfter. Da liegt auch der Vergleich zum Tinnitus sehr nahe.

Hypnose kann zwei Zielrichtungen haben: ursachenorientiert oder lösungsorientiert. Ich bin immer ein Freund von effizienten Behandlungen und wäge ab, ob es Sinn macht erstmal eine Ursachenforschung zu betrieben. Bei Misophonie gehe ich immer erst einmal lösungsorientiert heran.

Wem würden Sie mein Buch weiterempfehlen?

Natürlich jedem Betroffenen selbst. Aber auch Therapeuten und Heilpraktiker, die sich mit der Behandlung und dem Umgang mit der Störung beschäftigen. Was ich toll finde, ist das Einbeziehen des Umfelds in ein „Gesamtpaket“ rund um das Thema. Damit sollten unbedingt Angehörige von Betroffenen dieses Buch lesen.

Interviewform: Das Interview mit Herrn Ulrich Kritzner hat in Schriftform stattgefunden.

Kontaktdaten und Leistungsübersicht von Ulrich Kritzner​

Kontaktdaten

Leistungsübersicht

Ulrich Kritzner Misophonie Hypnose
Ulrich Kritzner
Nach oben