So verstehen Dich Deine Angehörigen besser, wenn Du Ihnen Dein Leid erklärst

So verstehen Angehörige die weitreichenden Konsequenzen von Misophonie noch besser

Um außenstehenden Menschen die Konsequenzen von Misophonie bewusst zu machen, möchte ich im heutigen Beitrag mal auf die hässlichen Seiten der Misophonie eingehen (Und ja, ich habe die ein oder andere “schöne” Seite an Misophonie erkannt). 

Es ist nicht nur “hässlich” für uns,  wenn der Misophoniker getriggert wird, nein, die Konsequenzen sind noch viel weitreichender als es im ersten Blick erscheint. Der Stress beginnt schon vor bestimmten Situationen. Wenn wir dann noch zusätzlich getriggert werden, ist es ohnehin nicht schön für uns.

Die Misophonie hat aber auch gewisse Konsequenzen, die man als Außenstehender nicht einfach so weglächeln sollte. Niemand will alleine und isoliert leben. Der Mensch ist (in der Regel) ein soziales Wesen. In der heutigen Zeit des “Social Distancing” gehen Menschen bereits nach wenigen Wochen auf die Barrikaden. Jetzt stellt euch mal vor, diese soziale Isolation ginge euer Leben lang so. Ohne Pausen. Kontaktbeschränkung für immer. Ohne Ausnahmen.

Leute gehen heute auf die Straße weil sie man ein paar Wochen zuhause bleiben und ihre sozialen Kontakte einschränken müssen. Menschen, die schwer von Misophonie gebeutelt sind, müssen das ihr Leben lang tun – gezwungener Maßen, um nicht zu leiden.

Wenn wir panisch werden könnten...

Liebe Angehörige, könnt ihr euch vorstellen, dass es einem Misophoniker nicht nur während der Aufnahme eines Triggergeräusches schlecht geht? Lasst euch sagen, dass wir uns vor Triggern ganz schön unwohl fühlen und sogar panisch sein können. 

Bei mir was es früher so: Als ich noch keine gescheiten Maßnahmen gegen meine Misophonie kannte, bin ich an Weihnachten mit einem unguten Gefühl zu meiner Familie gefahren. Warum? Weil ich wusste, dass dort Trigger lauern. 

Selbst heute, wo ich bis unter die Zähne bewaffnet bin mit Kopfhörern und sonstigen Strategien (ich habe mit meiner Familie über die Misophonie gesprochen, gleiche mich täglich körperlich aus, meditiere, …) fühle ich streckenweise noch Unwohlsein, wenn meine Familie besuche. Erst muss “bestätigt” werden, dass ich in der Umgebung meiner Familie mehrere Male hintereinander nicht getriggert werde – erst dann kann ich mir vorstellen, meine Familie ohne dieses Unwohlsein zu besuchen. 

Diese Panik und das besagte Unwohlsein mündet in Stress. Da niemand diesen negativen Stress empfinden möchte, ziehen wir uns manchmal lieber zurück, kommen nur mit Bauchschmerzen zu Besuch oder sagen Familienfeiern sogar ab. 

Anders sieht das aus, wenn ich meine Familie oder Freunde zu mir nach Hause einlade. Warum? Weil ich dort in meiner gewohnten Umgebung bin und die “Macht” über alle Geräusche habe – ich kann Umgebungsgeräusche einschalten, so viel und so laut ich will. 

"Misophonie ist, wenn zwischen Liebe und Hass nur ein kleines Geräusch liegt."

Wenn wir dann getriggert werden...

Nun ja, dem nicht genug. Nicht nur vor dem Triggergeräusch fühlen wir uns unwohl oder sogar panisch. Im Moment des Triggers sind wir wütend, aggressiv, wir spüren einen Druck in der Brust, uns wird unter Umständen heiß, unsere Muskeln spannen sich an, wir möchten kämpfen oder flüchten (Fight-or-Flight Reaktion), verletzen uns selbst, um den Schmerz woanders hinzulenken und haben anschließend ein extremes Ruhebedürfnis. Ja, und das alles wegen “eines kleinen Geräusches”.

Damit Du, lieber Angehöriger, verstehst, wie ich mich ungefähr im Moment des “Getriggertwerdens” fühle, hier ein kleines Beispiel:

Stelle Dir vor, Du kaufst Dir einen Hund, einen Welpen, den Du groß ziehst, 5 Jahre lang. Ihr führt eine innige Beziehung, Dein Hund ist für Dich in guten und schlechten Zeiten da. Du kümmerst Dich vorbildlich um ihn, Du gibst ihm genug zu essen, du spielst und kuschelst mit ihm. Er ist das erste, das Du morgens siehst und das letzte, bevor Du abends zu Bett gehst.

Eines Tages kommst Du von der Arbeit nach Hause und siehst, dass die Wohnungstür einen Spalt offen steht. Du hörst lautes Weinen Deines geliebten Hundes und siehst eine fremde Person, die auf Deinen geliebten Hund einschlägt und eintritt.

Er wird regelrecht gequält und Du kannst nichts dagegen tun. Du bist hilflos und musst zuschauen, wie Dein geliebter Hund vor Deinen Augen stirbt. Was empfindest Du? Hass! Puren Hass auf diejenige Person, die Deinen Hund getötet hat.

So kannst Du Dir vorstellen, wie es für mich (und für alle Misophoniker da draußen) ist, wenn ich (wir) getriggert werde(n). Bis ich puren Hass empfinde und Mordgedanken habe, dauert es etwas. 

In meinem Buch “Ich hasse Geräusche!” beschreibe ich das Konstrukt des Triggerkontos. Jeder Trigger, den ich im Laufe des Tages höre, zahlt auf mein Triggerkonto ein. Wenn dann irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem das Triggerkonto voll ist, fühle ich nur noch puren Hass und könnte die Triggerquelle “beseitigen”.

Bei mir persönlich ist das die Maximalform. Glücklicherweise werde ich durch meine Maßnahmen seltener getriggert. Ich habe damit einen etwas geringeren Stresslevel und werde nur selten bis zu diesem Maximum getriggert. 

Das war vorher nicht so – ich bin “ungeschützt” durch die Welt gelaufen und jeder Trigger konnte mich bis zum Maximum bringen. 

Social Distancing - ein Leben lang

Was sind die Konsequenzen, wenn wir uns vor beispielsweise Famlienfeiern “fürchten” oder wenn wir getriggert werden?

Mir ging es oft so, dass ich nach Besuch meiner Familie abends völlig “im Eimer” war. Ich war völlig ausgelaugt, konnte mich nicht konzentrieren, war launisch und musste erst mal 1-2 Stunden runterkommen.

Das kann dazu führen, dass wir uns selbst nicht akzeptieren und genervt von uns selbst sind und das kann uns zunehmend traurig und sauer machen.

Ich habe Misophoniker kennengelernt, die aufgrund ihrer Misophonie das Weite gesucht haben und sich sozial komplett isolieren. Ja, das Social Distancing gibt es nicht erst seit COVID-19!

In der heutigen Zeit dreht sich viel darum, soziale Kontakte zu meiden – um COVID-19 nicht noch weiter zu verbreiten. Nach einigen Wochen und Monaten der sozialen Isolation gehen Menschen bereits auf die Barrikaden.

Diese soziale Distanz ist bei vielen Misophonikern zum Alltag geworden. Sie distanzieren und isolieren sich, um nicht getriggert zu werden oder um nicht in oben beschriebene, angespannte und gestresste Situation zu kommen. Im schlimmsten Falle bleiben wir lieber zuhause und haben unsere Ruhe.

Und was ich nicht erwähnen muss, sind die damit einhergehenden Schuldgefühle, die Misophoniker plagen. Es ist ein innerer Zwiespalt zwischen sozialen Kontakten und Selbstschutz. Wo zieht man die Grenze? Welche Familienfeiern besucht man und welche nicht? Wer von meinen Familienangehörigen oder Freunden fühlt sich vor den Kopf gestoßen und wer kann Verständnis dafür aufbringen?

Gerne würde man Quality Time mit der Familie verbringen, doch ihr könnt euch sicher vorstellen, liebe Angehörige, dass alleine die “Vorbereitung” auf ein Familienfest für Misophoniker schon zur Herausforderung wird.

Viele Misophoniker verweilen daher lieber zuhause im geschützten Refugium als sich den panischen Gefühlen und dem Unwohlsein zu stellen. Sie distanzieren sich sozial.  Möglicherweise sogar ein Leben lang.

Auf meinem Instagram-Kanal @misophoniehilfe hatte ich ein Interview mit Ingo geführt. Ingo lebt sozial komplett isoliert, da er an Misophonie und Phonophobie leidet. Er meidet den Kontakt zu Menschen und lebt lieber alleine, für sich zurückgezogen.

Ihr seht also – es gibt auch Menschen auf dieser Welt, die nicht nur temporär Social Distancing betreiben, sondern ein Leben lang. Aus Selbstschutz. Aus Angst vor kritischen Situationen. Aus Frust vor blöden Kommentaren.

Und das “nur”, weil man ein paar alltägliche Geräusche nicht aushalten kann.

Wie können Misophoniker am besten damit umgehen?

Für mich persönlich hat sich ein ganzheitlicher Ansatz durchgesetzt. Nicht nur das Tragen von Kopfhörern ist wichtig und richtig. Ich kann die Reaktion herauszögern, wenn ich gut gelaunt, mental und körperlich fit und auch ausgeglichen bin.

Daneben hilft auch ein gesundes Selbstbewusstsein, um für sich selbst einzustehen, sich selbst zu akzeptieren, an sich zu glauben und sich nicht einreden zu lassen, man wäre verrückt, man solle die Geräusche doch aushalten oder sich nicht so anstellen.

Meiner Meinung nach muss man Verantwortung für sich selbst übernehmen – das gilt im Übrigen nicht nur für Misophoniker, sondern ist allgemeingültig für alle Menschen. 

Was mir ebenfalls hilft, ist Meditation (hier es geht zum Blogartikel über Meditation inklusive Schritt-für-Schritt-Anleitung) und CBD-Öl (hier es geht zum Blogartikel über mein 6-wöchiges CBD-Öl Selbstexperiment)

Es gibt aber auch eine gute Seite an Misophonie: Sie ist ein Indikator für diejenigen Menschen, die man im Leben haben möchte und für solche, die man besser “meiden” sollte. Außerdem gehe ich aufmerksamer durchs Leben und habe erkannt, dass ich das Problem ganzheitlich in den Griff kriegen kann, indem ich Sport treibe, für mich selbst sorge, mich so akzeptiere wie ich bin und Dankbarkeit empfinde.

Wie können Angehörige am besten damit umgehen?

Wissen ist Macht – nicht nur allgemein, sondern auch für euch, liebe Angehörige. Wenn Ihr wisst, wie ein Misophoniker auf welche Geräusche reagiert – nun ja, das kann euch einen riesigen Vorteil verschaffen. 

Zeigt Verständnis, wenn der Misophoniker in eurer Nähe durch eure Geräusche getriggert wurde. Die Reaktion auf eure Geräusche hat nichts mit eurem Charakter oder eurer Persönlichkeit zu tun. NICHTS! Interpretiert die Reaktion auf euer Geräusch nicht als Angriff, sondern versteht es als reflexartige Reaktion, für die der Misophoniker nichts kann. Du kannst gegen Husten oder Niesen auch nichts unternehmen – das geschieht reflexartig.

Ihr könnt einem Misophoniker sehr entgegenkommen, wenn ihr zuvorkommend seid, indem ihr selbstständig Hintergrundgeräusche produziert (Radio, TV, Abzugshaube, Fenster öffnen, …). Ich zumindest empfinde das als eine sehr nette Geste von meiner Familie, wenn sie derartiges unternimmt, um Triggern vorzubeugen. Ich bin mir auch sicher, dass euch vom Misophoniker enorme Dankbarkeit entgegengebracht wird. 

Und ja – nur weil das Thema Misophonie noch nicht so sehr öffentlichkeitswirksam ist, heißt das noch lange nicht, dass es angenehm ist, daran zu leiden. Zieht also die reflexartige Reaktion des Misophonikers nicht ins Lächerliche, respektiert die Sachlage und geht offen damit um. Interessiert euch für das noch recht unbekannte Thema und lest euch schlau!

Zusammenfassung

Okay, wir sehen also, dass die Misophonie wesentlich MEHR ist als NUR ein Geräusch, mit dem wir negative Erlebnisse verbinden und reflexartig darauf reagieren. 

Manche Misophoniker entscheiden sich proaktiv dazu, in Isolation zu leben, um sich vor Triggern zu schützen. Social Distancing in einer schlimmen Form. 

Bevor Du Dich sozial isolierst, gibt es noch einige Möglichkeiten, die man tun kann, um besser mit Misophonie leben zu können. Zum Beispiel darüber sprechen, um Verständnis zu erzeugen. Auch wenn Du mehrere Gespräche suchen musst, bis Deine Angehörigen Dich richtig verstehen und auf Dich eingehen: gib nicht auf! Darüber zu sprechen war für mich ein wahrer Gamechanger.

Wenn es Dir als Misophoniker schwer fällt, über die Misophonie zu sprechen, dann empfehle ich Dir meinen kostenlosen Ratgeber Nur Mut – Über Misophonie sprechen. Über die Misophonie zu sprechen war für mich ein wahrer Gamechanger. Seitdem ich über die Misophonie weiß, kann viel besser darüber sprechen und mir auch meine Umwelt so organisieren, dass ich möglichst wenig getriggert werde. 

Wenn Du Dich weiter über die Misophonie informieren möchtest, dann lies Dir gerne hierzu mein Artikel “Was ist Misophonie?” durch!

Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg!

Feuer frei!

Dein Patrick

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