ASMR und Misophonie - DAS solltest Du wissen!

ASMR - DAS solltest Du als Misophoniker wissen!

Triggerwarnung: Jemand, der an Misophonie leidet und den Ess- und Kaugeräusche triggern, sollte sich KEIN ASMR-VIDEO anschauen, in dem gegessen, getrunken oder geflüstert wird!

Hast Du schon mal etwas von ASMR gehört? Mir ist es selbst bis vor kurzem unbekannt gewesen, wobei es für mich als Misophoniker ein sehr interessantes Thema ist. 

Zwar habe ich mit dem ersten ASMR Video, das ich mir jemals angeschaut habe, schlechte Erfahrungen gemacht, da darin geflüstert und gegessen wurde. Mit weiteren ASMR Videos habe ich aber auch teilweise gute Erfahrungen gemacht. Unten im Beitrag habe ich Dir ein Video verlinkt, welches für mich als Misophoniker, dessen schlimmste Trigger Kau- und Essgeräusche, aber auch das Säubern von Tieren (Katzen bspw.). Zum Schutz habe ich Dir neben dem ASMR-Video auch ein Video mit weißem Rauschen bereitgestellt, dass Du das ASMR-Video mit weißem Rauschen überdecken kannst.

Nun gut. Schauen wir uns ein mal an, wie ASMR definiert ist, welchen Zusammenhang es mit Misophonie gibt, welche Erfahrungen ich mit ASMR gemacht habe und wie Du ASMR nutzen kannst, um noch besser über Deine Misophonie zu sprechen.

Definition

ASMR steht für “Autonomous Sensory Meridian Response”. Dabei handelt es sich um einen Zustand der völligen Entspannung, Stressfreiheit und einem Kribbeln auf der Kopfhaut und auf den Schultern. 

Wikipedia definiert ASMR wie folgt:

ASMR Definition bei Wikipedia, vom 07.11.2020

Hmm okay, klingt für mich so, als wären ASMR und Misophonie die beiden Enden möglicher Reaktionen auf Geräusche. Schauen wir uns erst mal ASMR und Misophonie etwas genauer an.

ASMR und Misophonie

Als ich das erste Mal von ASMR las, kam mir sofort in den Sinn, dass ASMR doch theoretisch das “Gegenteil” von Misophonie sein könnte? Zumindest, was die Reaktionen auf Geräusche angeht. Mit dieser Frage befassten sich schon die Wissenschaftler Emma L. Barratt und Nick J. Davis. Dazu beschrieben sie in einer Studie (hier geht es zur Studie) das Folgende: 

"It may be the case that ASMR and misophonia are two ends of the same spectrum of synaesthesia-like emotional responses." (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4380153/)

Emma L. Barratt und Nick J. Davis
Sinngemäß zu deutsch: Es kann theoretisch der Fall sein, dass ASMR und die Misophonie die beiden Enden desselben Spektrums synästhesie-ähnlicher emotionaler Reaktionen bilden. Vielleicht liege ich also mit meiner Vermutung, dass Reaktionen auf ASMR das “Gegenteil” der misophonischen Reaktionen sind garnicht nicht so falsch: ASMR führt zu einer Reaktion mit Wohlgefühl, Entspannung, Abwesenheit von Stress wohingegen die Misophonie genau das Gegenteil bildet, wie Hass, Wut, Aggression, Stress, Anspannung und Fluchtverhalten. Weiter beschreiben Emma L. Barratt und Nick J. Davis:

"Those who experience misophonia (literally ‘hatred of sound’) have automatic negative emotional reactions to particular sounds—the opposite of what can be observed in reactions to specific audio stimuli in ASMR." (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4380153/)

Emma L. Barratt und Nick J. Davis

Sinngemäß zu deutsch: “Diejenigen, die unter Misophonie leiden (wörtlich „Hass auf Geräusche“), reagieren automatisch negativ auf bestimmte Geräusche – das Gegenteil von dem, was bei Reaktionen auf bestimmte Audio-Stimuli in ASMR beobachtet werden kann.” Ein sehr interessanter Zusammenhang!

Ich bin leider noch nicht so weit vorgedrungen, um die ASMR-Reaktionen zu fühlen. Als Misophoniker sind mir jedoch die misophonischen Reaktionen bestens bekannt.

Was sind Trigger bei der Misophonie bzw. bei ASMR?

Trigger sind die Geräusche, die in einem Misophoniker Aggresion, Wut und Ekel auslösen können. Bei Triggern kann man zwischen auditiven (hörbare) und visuellen (sichtbare) Triggern unterscheiden. Bei auditiven Triggern wird die körperliche Reaktion durch ein Geräusch hervorgerufen. Bei visuellen Triggern reicht die Wahrnehmung einer bestimmten Bewegung/ Aktion über das Auge. Jeder Misophoniker hat seine eigenen individuellen Trigger. Meistens wird die Fight-or-Flight-Reaktion durch einen Trigger ausgelöst, der mit dem Mundbereich, bzw. mit der Aufnahme von Nahrung, zusammenhängt. Dabei verteilen sich die Trigger unter Umständen auf verschiedene Personen und verschiedene Situationen. Was den einen Misophoniker triggert lässt den anderen Misophoniker unter Umständen völlig kalt.

Vergleich der Reaktionen von ASMR bzw. Misophonie

Die Reaktionen von ASMR und Misophonie könnten gegensätzlicher nicht sein: Bei ASMR handelt es sich um den Zustand der Entspannung, Wohlgefühl, gute Atmosphäre wohingegen bei Misophonie Hass, Wut, Stress, und Aggression als klassische Reaktionsmuster gelten.

Sowohl ASMR als auch Misophonie sind noch recht unbekannt. Der Begriff “Misophonie” wurde 2001 geprägt wohingegen ASMR deutlich jünger ist mit einer ersten Erwähnung im Jahre 2010. Hier geht es zur ersten Erwähnung von Misophonie.

Definitiv haben ASMR und Misophonie eine Gemeinsamkeit: bei beiden gehen die Triggergeräusche von menschlichen Bewegungen (visuelle Trigger wie zum Beispiel Fingertippen oder auch auditive Trigger, wie Ess- und Kaugeräusche) und Verhaltensweisen aus.

Bekanntheitsgrad von ASMR und Misophonie

Es gibt Menschen, die bei ASMR-Videos völlige Entspannung fühlen und abschalten können. ASMR-Videos enthalten laut verstärkte Geräusche wie z.B. Kaugeräusche, ruhige Stimmen, bzw. Flüstern (also alles, was mich triggert), aber auch andere Geräusche, wie Haare bürsten oder Gegenstände bewegen (triggert mich auch – habe es getestet). 

ASMR-Videos stoßen auf eine sehr gute Resonanz. Nicht wenige Videos haben mehr als 1 Mio. Klicks auf YouTube. 
 
Folgende Grafik zeigt die Google Trends Kurve der letzten 5 Jahre: 
 
Google Trends Vergleich der Entwicklung von ASMR und Misophonie, 07.11.2020
Die blaue Kurve zeigt die Entwicklung der Suchanfragen (Suchmaschine Google) der letzten 5 Jahre. Im Vergleich dazu zeigt die rote Kurve die Relevanz der Suchanfragen von Misophonie. 

Man erkennt bei der roten Misophonie-Kurve immer mal wieder Ausreißer, aber ein klarer Aufwärtstrend ist nicht zu erkennen. Ganz anders bei ASMR: Hier ist ein klarer Aufwärtstrend in den letzten 5 Jahren zu erkennen. 

ASMR verbreitet sich schneller als Misophonie. Ich hoffe, dass wir Misophoniker von diesem Trend partizipieren werden: Meine Hoffnung ist, dass sich mit dem Bekanntheitsgrad von ASMR auch gleichzeitig die Misophonie verbreitet und an Bekanntheit gewinnt. Somit könnten Betroffene besser über die Misophonie sprechen und noch mehr Verständnis von Angehörigen erhalten. 

ASMR kannst Du ebenfalls nutzen, um noch besser über die Misophonie zu sprechen.

Über Misophonie sprechen: So kannst Du ASMR für Dich nutzen

Viele bekannte Misophoniker fragen mich immer wieder, wie sie am besten drüber sprechen. Gibt es den perfekten Zeitpunkt? Wie sollen sie das Gespräch angehen?  

Wenn es Dir schwer fällt, darüber zu sprechen, dann musst Du eindeutig Deine Komfortzone verlassen. Gleichzeitig musst Du auch das nötige Selbstbewusstsein entwickeln, um ein solches Gespräch zu führen. Du musst Dir selbst genug wert sein, um für Dich einzustehen und deine Probleme anzusprechen

In meinem Buch Ich hasse Geräusche! habe ich einen vorgefertigten Brief an Angehörige geschrieben bzw. auch einen roten Faden erstellt, wie man ein solches Gespräch angehen kann. 

Und nein, den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Warte also nicht drauf. Einfach raus damit. Der Zeitpunkt ist nicht maßgeblich dafür, ob Dein Angehöriger Verständnis für Dich aufbringt oder nicht. Dessen Charakter und Toleranzgrenze ist wesentlich dafür!

Du kannst auch den Vergleich mit ASMR ziehen in den Gesprächen mit Deinen Angehörigen. Wenn man einen Vergleich ziehen oder ein Gegenteil nennen kann, dann fällt es Deinem Gegenüber leichter, die Sachverhalte zu verstehen und einzuordnen.

Wenn es Dir schwer fällt, über die Misophonie zu sprechen, dann sichere Dir den Gratis-Ratgeber “Nur Mut! – Über Misophonie sprechen.

Ich stelle mich natürlich auch gerne zur Verfügung, wenn Du das Gespräch mit mir üben möchtest!

Meine Erfahrung mit ASMR

Ich persönlich habe genau 2 ASMR-Videos in meinem Leben gesehen. Das erste vor einigen Monaten, das ich nach 2 Sekunden ausschalten musste, weil ich mich das Geschmatze wahnsinnig getriggert hat, das andere vor ein paar Tagen als Vorbereitung auf diesen Beitrag, um zu testen, ob mich auch ASMR-Videos triggern, bei denen nicht gegessen wird. Und ja, manche triggern mich auch, ohne dass Essgeräusche darin vorkommen. 
   
Das folgende ASMR Video konnte ich mir anschauen, ohne getriggert zu werden. Es war zwar etwas Suche notwendig, aber nach diesem Video muss ich sagen, dass es für mich nun doch bestimmt noch weitere ASMR-Videos gibt, auf die ich nicht mit einer misophonischen Reaktion reagiere.

Vielleicht schaust Du Dir das folgende Video in reduzierter Lautstärke und/ oder mit Nebengeräuschen an. So kannst Du beispielsweise ein zweites Browser-Fenster öffnen und dort ein Video mit Weißem Rauschen öffnen oder beide Videos parallel abspielen. 
 

Meine persönlichen Erfahrungen mit Misophonie

Ich leide seit meiner Kindheit am Hass auf Geräusche – unbewusst. Und seit etwa 3 Jahren weiß ich, dass meine Störung die Misophonie ist. 

Das Kind hat seitdem einen Namen, was mir schon ungemein geholfen hat. Ich bin nicht verrückt, super! Es gibt viele von mir! 

Zu oft stößt das Thema Misophonie, der Hass auf Geräusche, auf Unverständnis. 

“Stell Dich nicht so an”, oder “Du bist aber sensibel” oder “Sei nicht so aggressiv, ich schmatze doch gar nicht” oder “Ich mache das doch nicht absichtlich” sind oft gehörte Sätze in meiner Vergangenheit.

Um meine Erfahrungen, Gedanken und Strategien gegen meine Misophonie zu dokumentieren, habe ich ein Buch geschrieben. 

Mein Buch “ICH HASSE GERÄUSCHE!” hat zum Ziel, Verständnis für das Störungsbild der Misophonie zu erzeugen. 

Meine Intention ist, die Misophonie bekannter zu machen und die Sicht eines Betroffenen zu beschreiben. 

Viel zu oft bin ich in meiner Vergangenheit auf Unverständnis gestoßen, was mindestens genau so schlimm ist, wie getriggert zu werden. 

Die Gesellschaft und im Besonderen Angehörige von Misophonikern sollen für das Thema Misophonie sensibilisiert werden.

Je seltener Du getriggert wirst, desto besser!

Eins steht fest: Je seltener Du getriggert wirst, desto besser. Die Maßnahmen und Tipps in meinem Buch "Ich hasse Geräusche!" sind Praxis getrieben, das heißt alle beschriebenen Maßnahmen helfen mir weiter, um mehr Lebensfreude und mehr Lebensqualität zu gewinnen. Ich habe bisher noch keine Therapie oder Hypnose durchgeführt und kann alleine mit diesen Maßnahmen mein Leben besser leben. Alleine, dass ich mit mir wichtigen Person drüber gesprochen habe, hat meine Lebensqualität gesteigert. Für mich ein wahrer „Gamechanger“.

Die Arbeit gegen Deine Misophonie musst Du eher ganzheitlich verstehen, indem Du an Deiner Persönlichkeit arbeitest, um mehr Ruhe in Dein Leben zu bekommen. 

Steigere Dein Wohlbefinden indem Du meditierst, regelmäßig Sport treibst und Dich gut ernährst (Schau Dir hierzu meinen Blogartikel “7 grundlegende Tipps, um Deine Geräuschempfindlichkeit nicht mit Fressattacken zu kompensieren” an und sichere Dir den 27 Seiten umfassenden Ratgeber dazu – kostenlos!). 

All das sorgt für eine innere Ausgeglichenheit, die Deinen Stresslevel senkt und Dich mit Deiner Misophonie besser klarkommen lässt.

Vom Misophoniker für Misophoniker

Meine Erfahrungen habe ich in einem Buch beschrieben. In dem Buch findest Du meine persönlichen Erfahrungen und Tipps und Tricks, wie auch Du im Alltag besser damit leben kannst. Außerdem findest Du:

Mein neues Buch "Ich hasse Geräusche!" über Misophonie bzw. Geräuschempfindlichkeit
Buchtipp: "ICH HASSE GERÄUSCHE!", März 2020 (jetzt auch als Hörbuch verfügbar)

Zusammenfassung

Okay, Du hast es bis zum Ende des Blogbeitrages geschafft! Glückwunsch! Du weißt nun, was ASMR ist und welchen Zusammenhang es mit Misophonie gibt. Du kannst nun eine Aussage über die Verbreitung von ASMR und Misophonie treffen. 
Neben der Möglichkeit ASMR für Dich als Misophoniker zur Entspannung zu nutzen kannst Du Dein Wissen ebenfalls in Gesprächen mit anderen Menschen über Misophonie verwenden. Du kennst auch meine meine Erfahrungen mit ASMR und Misophonie.

Die beiden für mich wichtigsten Punkte für jeden Misophoniker sind wohl: darüber sprechen zu lernen und Verständnis bei ihren Mitmenschen erzeugen mit dem Ziel nicht getriggert zu werden. Für einen Misophoniker ist nichts schlimmer (außer getriggert werden), wenn jemand mit Unverständnis und Ignoranz auf die Störung reagiert. 

Wir behandeln Menschen im Rollstuhl, mit Depression, mit Burnout, mit Krebs auch entsprechend. So sollten wir auch mit Misophonikern umgehen – mit Verständnis.  

Wenn Du bisher Zweifel hattest und dachtest, dass “Du einen am Schwimmer hast”, dann kannst Du Dir jetzt sicher sein, dass Du nicht verrückt bist und dass noch viele andere Menschen an diesem Störungsbild leiden.

Ich bin Überzeugung, dass sich Dein Leben schon mit mehreren kleinen Maßnahmen bessern wird, indem Du zum Beispiel für ausreichend Ausgleich sorgst, Raum für Entspannung hast, Du darüber sprichst und Dich mit Menschen austauschst, die Dich verstehen und Dir mit Verständnis entgegnen. 

Um keinen weiteren Blogbeitrag zu verpassen, trage Dich in den Newsletter ein und sichere Dir das *kostenlose* E-Book “7 einfache Methoden, um seltener getriggert zu werden“.

Bei Deinem weiteren Weg wünsche ich Dir von Herzen alles Gute!

Feuer frei,

Dein Patrick

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