Was jeder von uns tun kann - Gastbeitrag von Leslie Julian

Misophonie in der Belletristik oder was JEDER von uns tun kann!

Als Erstes möchte ich mich bei Patrick Crauser bedanken, dass ich hier auf seinem Blog einen Gastbeitrag verfassen darf.

Um mich kurz vorzustellen: Mein Name ist Leslie Julian und ich habe vor rund einem halben Jahr den Soft-Thriller SILENTIUM herausgebracht, durch den Patrick und ich uns auch kennengelernt haben. Denn irgendwann stolperte Patrick darüber, dass es neuerdings tatsächlich ein belletristisches Buch gab, das Misophonie als Themenschwerpunkt hat und er fragte mich, wie ich darauf gekommen sei. 

Nun, meine Tochter leidet seit Jahren sehr heftig an Misophonie und ehrlich gesagt war es IHRE und nicht meine Idee, dies zum Kernthema eines Thrillers zu machen. Eines Morgens, als ich darüber grübelte, nach einigen Lovestories doch mal einen Thriller schreiben zu wollen und einen ungewöhnlichen Themenschwerpunkt suchte, warf sie mir den Brocken „Schreib doch einen Thriller, bei dem der Täter an dieser Scheiß-Misophonie leidet“ als Idee vor die Füße und auf der Stelle fingen sowohl ihre als auch meine Rädchen im Kopf an zu rattern. Denn wie so oft sieht man den Wald vor Bäumen nicht und so war ich bis zu diesem Zeitpunkt trotz der täglich unmittelbaren Problematik durch ihre Misophonie nicht auf den Bolzen gekommen, dies zu thematisieren.

Innerhalb kürzester Zeit stand die grobe Storyline – auch wenn ich alles in allem 2 Jahre an dem Buch gefeilt, geschliffen und gearbeitet habe. So ist das mit absoluten Herzensprojekten. Und dazu hat sich Silentium definitiv entwickelt. Der Klappentext verrät noch nicht allzu viel, doch ich möchte ihn kurz vorstellen:

Wenn Tragik im Verbrechen mündet…

Bis zu einem tragischen Zwischenfall, der ihn auf die Ostseeinsel Fehmarn verschlägt, hat Chris trotz traumatischer Kindheit sein Leben im Griff. Er ist beliebt, trotz Misophonie erfolgreich im Job und erscheint wie der nette Nachbar, auch wenn es ihm nicht möglich ist, eine normale Beziehung einzugehen.

Doch dann treten erneute Blackouts auf und in einem Luftschutzbunker holen ihn die Schatten seiner Vergangenheit ein…

Die Herausforderung bei Silentium war, nicht nur zum großen Teil aus Tätersicht zu schreiben, sondern eine emotionale Achterbahn zu entwerfen, um meinen Protagonisten (der ja gleichzeitig auch der ‘Böse’ ist) Chris trotz seiner Taten auch zu einem Sympathieträger zu machen. Denn mein Hauptanliegen bei alldem war, Misophonie für „Otto Normalverbraucher“ wirklich nachfühlbar machen. Ein Drahtseilakt, von dem mir viele – gerade als Thriller-Neuling – abgeraten hatten, aber für mich stand diese Vorgehensweise von vornherein außerhalb jeder Diskussion. Und ich bin glücklich und dankbar, dass dies gelungen zu sein scheint, wenn ich mir die Aussagen der Leser dazu anschaue, die auf Amazon nachlesbar sind.

Mir jedenfalls war Chris (der zu seiner Misophonie noch an einer weiteren Problematik leidet) nach Fertigstellung von Silentium so sehr ans Herz gewachsen, dass nun vor kurzem INSANUM – BESESSEN als zweiter Teil erschienen ist, bei dem ich mich nicht mehr aus Rücksicht auf Chris so zurücknehmen musste. Als begeisterte Leserin von Sebastian Fitzek, Chris Carter und Co. konnte ich bei Insanum (welches alles andere als „soft“ ist) meine morbidesten Ideen umsetzen, denn hier gibt es eine Antagonistin, die sich bereits in Silentium vage ankündigt – UND: Ich konnte Chris zum Ende hin sehr glücklich machen.

Der Klappentext:

Die alleinerziehende Andrea ist mit Halbtagsjob, ihrem 13-jährigen Sohn und der Restaurierung ihres ererbten, alten Gutshofes nicht nur ausgelastet, sondern überfordert. Zudem vermisst sie Chris, der in einer psychiatrischen Klinik ist und dem noch immer nicht bewusst zu sein scheint, dass sie zusammengehören. Ihr einziger, verlässlicher Begleiter ist ihr Unterbewusstsein, das ihr immer wieder einflüstert, was das Beste für sie sei…

In Insanum ist Misophonie nur noch nebenher thematisiert, doch um dies auszugleichen, habe ich hier das Nachwort Patrick Crauser und Andreas Seeback (Traumatherapeut, spezialisiert auf Misophonie und Fachbuchautor zum Thema) überlassen, um auch mit diesem Buch weiter so intensiv wie möglich bei Verbreitung und Aufklärung zu helfen. 

Und genau hier schließt sich der Kreis.

Misophonie kennt kaum jemand – bedauerlicherweise auch viel zu viele Ärzte nicht. Ich habe mit meiner Tochter eine wahre Odyssee hinter mir. Neurologen, zahlreiche unterschiedliche HNO-Ärzte mit allen möglichen Fachgebieten, die uns untereinander weitergereicht haben, und was dabei herauskam, war vor allem Eines: Frust. Denn jeder der Ärzte machte Hörtests und bescheinigte meiner Tochter anschließend freudestrahlend, sie müsse sich doch glücklich schätzen mit ihrem außergewöhnlichen Gehör, mit dem sie Frequenzen wahrnehmen könne, die normale Menschen nicht hören können (wer Silentium bereits gelesen hat: dass Chris Fledermäuse hören kann, beruht auf der wahren Begebenheit meiner Tochter). Dass ein derartiges Gehör aber eine wahre Folter ist, wenn man an Misophonie leidet, hat keiner wirklich kapiert. Und in ihrem Fall funktionieren leider auch In-ear-Kopfhörer nicht, denn sie hat zudem extrem kleine und hypersensible Gehörgänge und bekommt wirklich jedes Mal, wenn sie Ohropax oder ähnliches benutzt, heftigste Entzündungen.

Das Schlimmste an alldem ist aber das Unverständnis (oder oft auch die Unwissenheit) des Umfeldes. Denn so oft, wie ich selbst miterlebt habe, dass meiner Tochter der Satz „Stell dich nicht so an!“ entgegengeschmettert wurde, hat dies meinen Kampfgeist angestachelt und dadurch wuchs in mir das Bedürfnis, etwas dagegen zu unternehmen.

Nun bin ich weder prominent, noch habe ich eine gewaltige Reichweite, aber auch eine große Wiese besteht aus tausenden einzelner Grashalme – also nehme ich jede, wirklich JEDE Möglichkeit wahr, über das Thema Misophonie zu sprechen, Inhalte auf Social Media zu teilen – oder eben zu schreiben. Denn inzwischen ist dieses Thema für mich zu einer Art Kreuzzug geworden, den ich aus Überzeugung angehe!

In dem Live-Stream, den Patrick Crauser mit meiner Tochter und mir vor einiger Zeit geführt hat (er ist noch abrufbar auf Patricks Instagram-Kanal @misophoniehilfewar das für mich schönste Erlebnis, als eine Zuschauerin live schrieb, sie hätte immer gedacht, dass sie „einen an der Waffel“ hätte. Sie sei durch Zufall auf diesem Stream gelandet und unendlich glücklich und erleichtert, endlich einen Namen für ihr Problem zu haben und feststellen zu können, dass sie damit alles andere als allein ist. 

Ehrlich, ich hätte heulen können vor Freude! Denn diese eine Zuschrift hat mir schon die Sinnhaftigkeit dessen, was Patrick mit seinem Blog und ich mit meinen Büchern versuchen, bestätigt. Ein Mensch, dessen Leben wir verbessern konnten. Sicher nicht durch Heilung, aber durch Kenntnis und die Tatsache, damit eben NICHT allein zu sein und KEINEN „an der Waffel“ zu haben!

Und das kann JEDER von uns. Egal wie klein der eigene Bereich sein mag: Sprecht darüber! Thematisiert Misophonie! Thematisiert ALLE neurologischen und psychischen Störungen! Schaut nicht weg, sondern schaut hin! Redet darüber. 

So viele Menschen leiden an Klaustrophobie, Panikattacken, Zwängen, Agoraphobie, Depressionen oder was auch immer und werden ständig belächelt oder hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand als überempfindlich abgeurteilt. Ihnen wird unterstellt, sie würden sich anstellen, würden sich gehenlassen, seinen faul oder würden sich nur in den Vordergrund spielen wollen. So etwas bringt mich auf die Palme! Nur, weil man ein Problem nicht sehen kann, heißt es noch lange nicht, dass es nicht da ist, oder? Könnt Ihr den Wind sehen? Die Blätter bewegen sich aber trotzdem.

Wir alle können etwas gegen diese Ignoranz tun. Fangen wir erstmal bei uns selbst an. Der erste Punkt auf diesem Weg ist Information und hier bewegt Patrick wirklich viel, was ihm meinen absoluten Respekt einbringt. Sein Blog ebenso wie seine Posts auf Instagram sind durchweg großartig recherchierte Informationsquellen für alle – durchsetzt mit persönlichen Erlebnissen, was das Ganze ungeheuer lebendig und auch noch unterhaltsam zu lesen macht. Chapeau, lieber Patrick, Du machst das einfach phantastisch!

Zum Abschluss deshalb hier nun mein eindringlicher Appell an JEDEN von Euch:

Keiner von uns kann Berge versetzen, aber JEDER kann sich ein paar Steine schnappen und sie wegtragen. Und je mehr wir sind, desto mehr werden sich anschließen und ich glaube fest daran: Irgendwann schaffen wir es GEMEINSAM, dass kein Mensch mit einer wie auch immer gearteten psychischen oder neurologischen Störung mehr mit dem Satz „Stell dich nicht so an!“ abgefertigt wird. Lasst es uns anpacken!

Alles Liebe

Leslie Julian

Web: http://www.leslie-julian.de/

Instagram: @l.j.lovestories

Facebook: https://www.facebook.com/LeslieJulianBooks/

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